Mittwoch, 4. Januar 2023

Ensignbus Running Day - Teil 2

Zunächst einmal allen Bloglesern ein frohes 2023 und viele interessante Erlebnisse im vor uns liegenden Jahr!

Weiter geht es hier mit Bildern vom Ensignbus Running Day im Dezember 2022, den die Familie Newman mit vielen Helfern - darunter einigen Führungskräften der britischen ÖPNV-Branche am Steuer - im Osten Londons und im benachbarten Essex auf die Beine stellte. Heute wollen wir uns mit den historischen Fahrzeugen aus dem Londonder Umland beschäftigen, die neben ehemaligen London Transport-Fahrzeugen auch in großer Zahl zu sehen waren.

Bei London Country stand der von Roe in Leeds aufgebaute Leyland Atlantean AN264 im Einsatz. London Country umfasste die 1970 in die National Bus Company (NBC) eingegliederten Überlandverkehre von London Transport, die traditionell mit grün lackierten Bussen bedient worden waren. Dementsprechend wandte auch die NBC hier ihre blattgrüne ("leaf green") Lackierung an. Restauriert wurde der Bus vom Baujahr 1981 im Stil der 80er Jahre, als die NBC lokale Identitäten langsam wieder zuließ.

Sehr gut vertreten in der Ensignbus-Sammlung ist der ehemalige kommunale Verkehrsbetrieb von Southend, Southend Transport (heute Arriva Southend). Wagen 233 ist ein Leyland Fleetline in langer Version mit Northern Counties-Aufbau. Gebaut ebenfalls 1981 ist er seit 2013 bei Ensignbus, wo er die Lackierung der 1990er Jahre bekam.

Nach der Deregulierung des Fernbusverkehrs 1980 startete Southend Transport mit den Kollegen aus Reading die Gemeinschaftslinie X1 zwischen beiden Städten, die rund 120 km auseinander liegen. Mitten dazwischen liegt London, so dass man es auf den lukrativen Pendlermarkt absah. Southend beschaffte hierfür u.a. Van Hool TD824 Astromega, die enstprechend Eindruck machten. Wagen 245 vom Baujahr 1983 ist Teil der Ensignbus-Traditionsflotte und hier in Brentwood unterwegs.

Southend 263 ist ein ganz besonders toll restaurierter Bus. Der Daimler CWA6 wurde 1944 mit einfachem Kriegsaufbau (sog. Utility Bus) an London Transport zugewiesen. Nachdem man dort wieder die geliebten AECs bekam, verkaufte man diese Busse möglichst schnell weiter, in diesem Falle 1953 nach Southend. Hier setzte Massey aus Wigan einen neuen lowheight-Aufbau auf das Chassis und so fuhr der Bus bis 1971 durch den Ferienort in Süd-Essex. Seit 2011 gehört er Ensignbus, die ihn bis 2015 im alten Glanz erstrahlen ließen.

Als Sovereign Buses fungierte nach der Privatisierung der NBC-Unternehmen der nordöstliche Teil von London Country. Er gehörte zeitweise zur Blazefield-Gruppe, ist heute aber zwischen Arriva, Uno und RATP aufgeteilt. Die Blazefield-Zeit repräsentiert Leyland Lynx 293. Er wurde 1989 an die Schwestergesellschaft Keighley & District in Yorkshire abgeliefert und kam 1999 zu Sovereign. Aufgenommen am Busbahnhof des Bluewater-Einkaufszentrums.

Der Verkehrsbetrieb im nordenglischen St. Helens (bei Liverpool) nahm Anfang der 50er Jahre 40 AEC Regent III in Betrieb, die komplett der Londoner RT-Klasse entsprachen. Aus diesem Grund hat auch Ensignbus seit 2020 ein solches Exemplar im Bestand. Der ehemalige Wagen D7 stammt aus dem Jahr 1951.

Aushängeschild des Überlandverkehrs von LT waren die Green Line-Linien, die fast alle umliegenden Städte miteinander und dem Londoner Zentrum verbanden. Schon vor der Gründung von LT 1933 stellte Vorgänger London General für diese Verkehre die Busse der T-Klasse in Dienst. Bei Ensignbus ist T499 aktiv, ein Bus der letzten Serie von 1938 (10T10). Der Bus war während des 2. Welkrieges als Krankenwagen im Einsatz und wurde nach seiner Londoner Karriere nach West-Australien als Schulbus verkauft. Von dort holten ihn britische Fans 2004 zurück und schenkten ihn Ensignbus, wo man das Fahrzeug mustergültig restaurierte. 

Scheinbar hatte auch das First Essex-Depot in Basildon Spaß am Running Day, denn von dort schickte man ADL Enviro 400 33424 auf die nach Lakeside verkehrende Linie 100. Dieser Bus ist komplett in der NBC-Leaf Green-Lackierung des First Essex-Vorgängers Eastern National gehalten, sogar mit aufgeschraubten Schildern für Wagennummer und Depotkürzel. First wird langsam bei solchen Sachen richtig gut! Fotografieren konnte ich das Fahrzeug am Busbahnhof Grays.

Montag, 26. Dezember 2022

Ensignbus Running Day 2022

Immer am ersten Dezembersamstag veranstaltet das Unternehmen Ensignbus im Osten Londons seinen Runnig Day. Zum Einsatz kommen fast ausschließlich Fahrzeuge aus der historischen Sammlung von Ensignbus, die mehr oder weniger die gesamte Geschichte des Busverkehrs in London und Essex repräsentiert. Die Ensign-Eigentümerfamilie Newman besitzt diese Busse aber nicht nur aus historischem Interesse, sondern nutzt sie auch zur Vermietung für Verantsaltungen und vor allem für Filmproduktionen. 

Die diesjährige Veranstaltung war insofern besonders, als dass Ensignbus 2022 sein 50-Jähriges Jubiläum feiern konnte. 1972 als Busbetrieb in Purfleet, Essex, gegründet machte man sich bald einen Namen als Verkäufer von nicht weniger als 2.000 roten Londoner Bussen des Typs DMS, die London Transport als für den Betrieb in London ungeeignet erklärte, obwohl sie nach dem Verkauf in der britischen Provinz und bis hin nach Hong Kong noch jahrzehntelang gute Dienste leisteten. Später betrieb das Unternehmen auch eigene Linien für London Transport. Heute ist man für den Nachfolger TfL nur noch im Schienenersatzverkehr tätig, betreibt aber kommerziell nach dem Rückzug von Arriva den ÖPNV in der Heimatregion Thurrock im südöstlichen Essex. Auch im Gebrauchtbushandel ist man nach wie vor aktiv.

Im Rahmen des Running Days richtet das Unternehmen jedes Jahr vier spezielle Linien ein, von denen drei (X54, X55 und X81) am riesigen Einkaufszentrum Lakeside in Thurrock zusammenkommen. Eine vierte Linie (X21) verbindet Brentwood und Upminster und stellt so eine Querverbindung zwischen den beiden nördlichen Linienästen her. Die meisten Busse sind mit korrekten Linien- und Zielbändern im jeweils zeitgenössichen Design versehen.

Seinen Namen machte sich Ensignbus mit dem Verkauf dieser DMS Daimler Fleetlines von London Transport. DMS2646, der letzte gelieferte Bus dieses Typs, erhielt zur 150-Jahr-Feier der ersten Pferdebusse in London 1979 die Lackierung der Shillibeer-Pferdebusse und wurde 2004 von Ensignbus wieder so restauriert. Das Bild entstand beim Runnig Day 2017 in Lakeside, der Bus war aber auch dieses Jahr wieder unterwegs.

Nachfolger der DMS waren u.a. die MCW Metrobusse, die insbesondere im Westen der Hauptstadt zum Einsatz kamen. Ensignbus sicherte sich den allerersten, M1 ebenfalls von 1978. Er biegt hier gerade zum Bahnhof von Upminster ein.

Von Lakeside über die Themse erreicht die Linie X55 das Einkaufszentrum Bluewater, wo 2017 Scania/MCW Metropolitan MD60 im letzten Tageslicht ankommt. Der Metropolitan war der Vorgänger des Metrobusses, MCW nutzte hierfür Chassiskomponenten von Scania. London Transport bestellte hiervon 164 Exemplare, nicht zuletzt weil die Produkte der verstaatlichten British Leyland in  den 70ern weder qualitativ überzeugen konnten noch rechtzeitzig lieferbar waren.

Ein ganz besonderes Stück ist RLH61 von 1952, eine der ganz wenigen lowheight-Doppeldecker in London, die benötigt wurden, um Linien mit niedrigen Brücken zu bedienen. Dieser Bus war 1971 der letzte seiner Art bei LT und wurde anschließend nach Kanada verkauft, von wo ihn die Newmans nach 33 Jahren wieder zurück holten. Er erreicht hier Lakeside - das Wetter war 2017 einfach besser...

Ein Routemaster darf natürlich auch nicht fehlen, auch wenn das hier wieder ein besonderer ist: 1967 beschaffte British European Airways 65 solche Routemaster in Reisebusversion mit Fronteinstieg für den Verkehr zwischen der Londoner Stadtmitte und Heathrow. Die Busse waren seinerzeit mit Gepäckanhänger unterwegs. Nach 12 Jahren übernahm LT diesen Bus und setzte ihn mit der Nummer RMA50 im internen Verkehr ein. 1984 kam er zu Stagecoach nach Schottland und schließlich für den Sightseeing-Einsatz nach Edinburgh. 2009 übernahm ihn Ensignbus, dort bekam er erstmals die rote Londoner Lackierung.

Die RT-Familie war mit über 7.000 Exemplaren die größte jemals gebaute Busserie für London, in den 50er Jahren gab es teilweise nur Busse dieses Typs bei LT. RT8 vom Baujahr 1939 war einer der ersten, sein Aufbau stammte noch von LT selbst. Auch er wurde von Ensignbus aus Nordamerika zurückgeholt und im Design der Kriegszeit restauriert, die weißen Kotflügel sollten die Sichtbarkeit während der Verdunklung Londons aus Angst vor Luftangriffen erhöhen.  

Die späteren Nachkriegs-RT respräsentiert RT3251 von 1948. Er war 1979 der letzte seines Typs, der von LT aus dem regulären Linienverkehr ausgemustert wurde. In diesem Zustand ist er auch erhalten. Er steht hier am Fährterminal in Gravesend, Kent.

Noch ein RT, aber diesmal des breiteren RTW-Typs ist RTW335. Anders als die meisten anderen RTs, die auf AEC Regent III basieren haben diese Busse ein Leyland PD2-Chassis, was gut am anderen Kühlergrill ablesbar ist. RTW335 wurde 1950 abgeliefert und kam nach seiner Ausmusterung 1965 nach Deutschland, wo er als Messefahrzeug für den Lifthersteller Hywema diente. Seit 2013 schmückt er die Ensignbus-Flotte.

In den 1960er Jahren wollte London Transport seinen Betrieb weitgehend auf Eindeckerbusse mit automatischer Fahrgastabfertigung umstellen. Dafür beschaffte man fast 1.500 AEC Merlins und Swifts, die man dann jedoch nicht mochte und die meisten daher teils ohne Einsatz wieder ausmusterte. Zur Lagerung der ausgemusterten Busse wurde ein ganzer Flughafen angemietet! SM1 war der erste dieser Busse aus dem Jahr 1966, er trägt einen Marshall-Aufbau und steht hier - leider mit Defekt - in Upminster.

Neben den MCW Metrobussen war der Leyland Titan B15 der Londoner Standarddoppeldecker der späten 70er und frühen 80er Jahre. Ursprünglich sollte das das eizige Doppeldeckermodell von Leyland werden, die Betriebe außerhalb von London fanden ihn aber zu teuer und kompliziert, so dass Leyland nur bei LT größere Mengen (insgesamt 1.125 Stück) absetzen konnte. Sie wurden in Ostlondon konzentriert. T986 von 1983 schaffte es in die Ensignbus-Sammlung und erreicht hier Bluewater.
 
Das wesentlich erfolgreichere Leyland-Modell in den 80ern und 90ern war der Olympian. Dieses Exemplar mit Leylands eigenem Aufbau war zunächst ein Vorführwagen, der 1991 auf der UITP-Ausstellung in Stockholm zu sehen war. Mit 23 weiteren baugleichen Bussen kam er später zu Capital Citybus als Nummer 250. Dieses Tochterunternehmen von Hong Kong Citybus übernahm 1990 die LT-Auftragsverkehre von Ensignbus in Ost-London und wurde später an First verkauft.

Freitag, 23. Dezember 2022

Samstag, 26. November 2022

Kauno Rajons: Busse für den Speckgürtel

Die Stadt Kaunas wird vom Kauno Rajons umschlossen. In diesem wurden wie überall in Litauen die Funktionen von Landkreisen (Rajon) und Gemeinden zusammengelegt. Da der Kauno Rajons mit rund 100.000 Einwohnern recht dicht besiedelt ist, besteht hier ein umfangreiches Busnetz, das von der Rajonverwaltung organsiert und von mehreren privaten Unternehmen betrieben wird. Größter Betreiber ist einmal mehr Kautra, die 1995 als Abspaltung von Kauno Autobusai für den Fern- und Überlandverkehr entstand.

Kautra setzt im Vorortverkehr hauptsächlich Busse von Temsa ein, darunter auch den eher selten zu sehenden Überlandbus LD 12. Wagen 136 von 2016 kommt hier gerade am Busbahnhof an.

Ebenso zu sehen sind Midibusse vom Typ Temsa MD 9 LE wie Wagen 254 am Kauno Plis.

Das Kontrastprorgamm bietet das Unternehmen Merula: Hier kommen ausschießlich gebrauchte westeuropäische Busse im Farbkleid ihrer Vorbesitzer oder in Weiß zum Einsatz. Dieser Setra S 315 UL stammt von Stanglmeier aus Mainburg.

Unverkennbar eine Vergangenheit im VBN hatte dieser S 315 NF, er stammt von Wolters aus Stuhr, wo er die Nummer 489 trug.

Nicht weit entfernt davon, bei der Hülsmann-Tochter Bruns war dieser Citaro Ü zuhause. In Zetel hörte er auf das Kennzeichen FRI-DN 966.

Ebenso im Kauno Rajons aktiv ist das Unternehmen Uma Trans. Auch hier setzt man auf Busse aus Deutschland. MAN ÜL 313 B1201 war vorher bei Schäfer im sächsischen Blochwitz als RG-HN 18 unterwegs.
 
Aus dem nördlich anschließenden Nachbar-Rajon Jonava kommt Jonavos Autobusai in dichten Abständen nach Kanuas. Wagen 95, ein MAN ÜL 314 von 2009 kommt auch aus Deutschland, er war zuvor bei Rische in Lickenwalde als TF-PR 114 im Einsatz.

Freitag, 25. November 2022

Die längste Brücke der Welt

Vom Aleksotas-Hügel am oberen Ende der Standseilbahn hat man einen schönen Blick auf das Stadtzentrum. Die im Vordergrund sichtbare Vytauto-Brücke galt früher als längste Brücke der Welt - ihre Überquerung dauerte 13 Tage! Die Memel bildete nämlich die Grenze zwischen dem russichen Zarenreich, in dem noch der julianische Kalender galt, und Preußen, wo nach gregorianischem Kalender gerechnet wurde. Wie der Schriftzug am Altstadtufer zeigt sind die Litauer generell und die Kaunaser nochmal im besonderen vollkommen basketballverrückt. Das Team von Zalgiris Kaunas gilt als eines der besten in Europa. Gut sichtbar ist die niedrige Bauweise der Stadt, aufgrund der Frontstellung der Stadt durften die Häuser maximal zwei Stockwerke haben, was der Altstadt ein sehr kleinstädtisches Flair verleiht.

Unterhalb des Aleksotas-Hügel an der Seilbahn-Talstation steht MAN 12C Nummer 923, einer von 100 Stück dieses Typs. Im Hintergrund die Türme des Jesuitenklosters und des Alten Rathauses.

Gelenkbusse sind in Kaunas eher wenige zu finden, sie fahren vor allem auf den Linien 23 und 46. MAN NG 363 885 vom Baujahr 2006 war bis 2016 für das Unternehmen Michalszewski im Warschauer Stadtverkehr unterwegs.

Ansonsten kommen die Gebrauchtbusse weitgehend aus den Niederlanden. Van Hool A330 Nummer 855 stammt vom GVU Utrecht, wo er die Nummer 132 trug. 2015 übernahm Kauno Autobusai insgesamt 20 Busse dieser Serie.

Auch Van Hool-Gelenkbusse kamen aus Utrecht: AG 300 Nummer 801 wurde allerdings 2001 an Connexxion als Wagen 7865 abgeliefert und ist seit 2013 in Kaunas.

Und sogar die Doppelgelek-Version AGG 300 ist vorhanden, auch diese vier Busse übernahm man 2015 aus Utrecht. GVU 902 heißt bei Kauno Autobusai heute 839.

Den Oudsten-Busse im Einsatz dürften mittlerweile extremen Seltenheitswert besitzen. In Kaunas fahren allerdings noch vier Alliance B93 aus Den Haag. Hinter Wagen 797 verbirgt sich der ex-HTM Wagen 918.

2012 beschaffte Kauno Autobusai 24 Solaris Urbino 12 CNG. Wagen 773 ist hier vor dem (Fern-)Busbahnhof zu sehen. Auch dieser wurde im Vorgriff auf das Kulturhauptstadtjahr völlig neu gebaut. Die Linie 7 ist eigentlich eine Trolleybuslinie, die temporär stromlos betrieben wurde.

Schon 2004/2005 kamen von Solaris 55 Urbino 12, von denen allerdings die ersten schon wieder ausgemustert sind. Nicht so Wagen 644, der hier an der Laisves Aleja (Freiheitsalle), der zentralen Achse der Neustadt zu sehen ist.

Von der Maas an die Memel! Volvo 7700 Nummer 557, der hier am Pausenplatz neben dem Bahnhof steht, ist einer von 16 Fahrzeugen dieses Typs, die 2018 aus Maastricht kamen, wo er die Veolia-Nummer 3852 trug.

2018 durfte Temsa 25 Avenue 12LF liefern. Wagen 517 umfährt die Innenstadt.

Um Altas-Sprinter kommt man auch in Kaunas nicht herum. MB Sprinter 516 CDI / Cityline L Nummer 349 aufgenommen am Kauno Pils.

Donnerstag, 24. November 2022

Kaunas: Investieren für die Kulturhauptstadtswürde

Kaunas ist mit fast 300.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Litauens und aufgrund der etwas abseitigen Lage der Hauptstadt knapp 100 km südöstlich der wichtigste Verkehrsknotenpunkt des Landes. Die Stadt an der Mündung der Neris in die Memel (litauisch Nemunas) entwickelte sich bereits im Mittelalter zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Ost und West. Die Zaren befestigten die westlichste Stadt ihres Reiches mit nicht weniger als neun Festungsbauwerken, die aber letztlich nutzlos waren. Nach der Unabhängigkeit Litauens war Kaunas in den 20er und 30er Jahren Hauptstadt, da Vilnius seinerzeit zu Polen gehörte. In dieser Zeit enstanden viele Gebäude im Jugend- und Bauhausstil in der Neustadt. Durch diese wie auch die historische Altstadt erstreckt sich eine 2,5 km lange Fußgängerzone, die erste in der damaligen Sowjetunion. Die reichhaltige Geschichte und Kultur der Stadt trug Kaunas in diesem Jahr gemeinsam mit dem luxemburgischen Esch und dem serbischen Novi Sad den Titel der europäischen Kulturhauptstadt ein. 

Von 1982 bis 1929 verkehrte eine Pferdebahn zwischen Bahnhof und Altstadt, seit 1924 gibt es auch einen Stadtbusverkehr, der zehn Jahre später durch die auch heute noch verantwortliche städtische Gesellschaft Kauno Autobusai übernommen wurde. Seit 1956 besteht ein Obusbetrieb, der 2014 auf Kauno Autobusai verschmolzen wurde. Das rund 54 km lange Trolleybusnetz wird von 14 Linien bedient, wobei es sich bei mehreren davon um gegenläufige Ringe handelt. Hinzu kommen noch 47 Linien, die von Diesel- oder Gasbussen bedient werden. Anders als in den anderen baltischen Großstädten gibt es in Kaunas keine Doppelbelegungen von Liniennummern. Im Vorgriff auf das Kulturhauptsadtsjahr wurde von Kauno Autobusai erheblich investiert: 85 Solaris Trollino 12 und 100 MAN Lions City 12C kamen in den letzten drei Jahren in Betrieb. Daneben sind aber auch noch einige gebraucht übernommene Busse, vorwiegend niederländischer Provinienz, im Einsatz. Zudem gibt es in Kaunas zwei sehenswerte Standseilbahnen.

15 Berkhof Premier AT18 wurden 2016 und 2017 aus Arnhem übernommen. Wagen 054 vom Baujahr 2002 trug dort die Nummer 5223. Bei meinem Besuch wurde aufgrund von Baumaßnahmen in der Innenstadt teils mit Hilfsantrieb gefahren.

Die Berkhofs kommen vor allem auf der Ringlinie 14 zum Einsatz. 050 (ex Arnhem 5222) fährt hier aufgebügelt in der Nähe des Busbahnhofs.

Da aufgrund der Baumaßnahmen einige Trolleybuslinien mit Dieselbussen gefahren wurden, kamen von den 42 Solaris Trollino 12 III nur wenige zum Einsatz. Wagen 036 vom Baujahr 2007 war im Fahrschuleinsatz.

Die meisten Leistungen sind in der Hand der Trollino IV von 2019, Wagen 140 ist hier an der Burg (Kauno Pils) unterwegs.

Die Aleksotas-Standseilbahn von 1935 führt jenseits der Memel auf den gleichnamigen Hügel. Auch diese Standseilbahn wird von Kauno Autobusai betrieben. Zum Einsatz kommen noch die Originalfahrzeuge.

Dienstag, 22. November 2022

Fernverkehr im Baltikum

Neben den riesigen Nachbarn im Osten wirken die baltischen Länder auf der Landkarte ziemlich klein - aber das sind sie nicht: Litauen und Lettland sind jeweils fast so groß wie Bayern. Und da sich gerade in Litauen die Bevölkerung deutlich stärker verteilt als in den beiden anderen baltischen Ländern ist hier auch das Fernverkehrsnetz recht gut ausgebaut. Wichtigster öffentlicher Verkehrsträger ist der Bus, da das breitspurige Eisenbahnnetz noch weitgehend aus der Zarenzeit stammt und eher die Verbindung aus Russland und Belarus zu den Häfen an der Ostsee sicherstellen sollte als für lokale Verbindungen zu sorgen. Eisenbahnverbindungen zwischen den baltischen Ländern sind gar vollständig Mangelware, dies wird sich erst mit der Inbetriebnahme des Megaprojektes Rail Baltica in den 2030er Jahren ändern: Unter diesem Titel entsteht eine Normalspurstrecke von Warschau über Kaunas und Riga nach Tallinn mit Verlängerungsoption per Tunnel bis Helsinki. Die aktuelle geopolitische Lage macht die Fertigstellung politisch zu einem prioritären Projekt. 

Einen Busbahnhof (Autobusu Stotis in Litauen bzw. Autoosta in Lettland) gibt es dagegen heute schon in jeder Stadt. Hier lassen sich auch Fahrkarten kaufen, die ansonsten teils nur Online erhältlich sind. Das Netz wird kommerziell durch eine Vielzahl privater Unternehmen bedient. Die Fahrpläne sind kaum aufeinander abgestimmt, allerdings gibt es etliche direkte Ort-zu-Ort-Verbindungen, wenn auch meistens nicht sehr häufig. Auch das Angebot zwischen den drei Ländern ist nicht sehr umfagreich, aber immerhin vorhanden. Zum Einsatz kommen vom dreiachsigen Luxus-Reisebus etwa bei der estnischen LUXexpress bis zum omnipräsenten Altas-Sprinter eigentlich so ziemlich alles.  

Das Unternehmen TOKS haben wir ja schon kennen gelernt: Neben den Flughafenbus in Vilnius ist man auch einer der größten Fernbusbetreiber in Litauen. Zum Einsatz kommen hier vorwiegend Setras der 500er-Reihe, so wie S 515 HD Nummer 68, aufgenommen am Busbahnhof von Šiauliai.

Die lokalen Busunternehmen nutzen für ihre Fernverbindungen eher gebrauchte Überlandbusse: Šilutes Autobusu Parks betreibt eine solche Linie von der Stadt Šilute am kurischen Haff in die Hauptsadt. Zum Einsatz kommt u.a. S 315 H Nummer 101 vom Baujahr 2000, der unverkennbar aus Südtirol stammt und dort bei der SAD unter der Nummer 1005 Dienst tat. 
 
Der zweite große Fernbusbetreiber in Litauen ist Kautra aus Kaunas. Neben Setras kommen hier auch Reisebusse von Temsa zum Einsatz, so wie Wagen 445, ein Safari HD 13 von 2016, aufgenommen am Busbahnhof von Vilnius. 

Auch bei Kautra kommen etliche Kleinbusse zum Einsatz. VW Crafter 5 macht gerade Pause am nagelneuen Busbahnhof seiner Heimstastadt.

Auch lettische Unternehmen setzen gerne Kleinbusse im Fernverkehr ein. Liepajas Autobusu Parks ist mit diesem Sprinter aus seiner Heimatstadt an der Ostseeküste nach Riga gekommen.

Große Busse sind aber auch unterwegs: Das Unternehmen Sabiedriskais Autobuss aus dem westlettischen Saldus setzt u.a. diesen VDL Futura FMD-2/129 mit der Nummer B-1294 ein.


Die litauische Bahn ist deutlich morderner als die lettische. Im Regionalverkehr kommen Dieseltriebzüge des Typs 630ML von PESA zum Einsatz.

Elektrifiziert sind nur die 100 km zwischen den beiden größten Städten Vilnius und Kaunas. Für die mindestens halbstündlich verkehrenden Züge werden Doppelstockzüge der Reihe EJ575 von Skoda eingesetzt.

Die einzige wirkliche Fernverbindung ist die Strecke Vilnius - Šiauliai - Klaipeda. Dabei kommen bei einigen wenigen Zügen noch lokbespannte Garnituren bestehend aus modernisierten sowjetischen Reisezugwagen (mit extrem hohen Stufen und einer Schaffnerin pro Wagen) und einer Diesellok ER20 von Siemens zum Einsatz. ER20 040 fährt hier in Šiauliai ein, um mich nach Vilnius zu bringen.