Dienstag, 17. März 2026

Valparaísos Kulturerbe: Standseilbahnen und Trolleybusse

Das rund 120 km westlich von Santiago gelegene Valparaíso bildet mit der Nachbarstadt Vina del Mar den zweitgrößten Ballungsraum Chiles mit knapp 900.000 Einwohnern. Gleichzeitig besitzt die direkt am Pazifik in einer geschützten Bucht gelegene Stadt den größten Hafen des Landes. Bereits 1544 gegründet blieb die Stadt lange ein unbedeutendes Fischerdorf, erst nach der Unabhängigkeit wurde es zum wichtigsten Handelszentrum Chiles und zum dominierenden Pazifikhafen Südamerikas, insbesondere weil sie erster Anlaufpunkt für die Schiffe nach der Umrundung von Kap Hoorn war. Valparaíso lässt sich grob in zwei Teile aufteilen: Die Küstenebene ("plano") beherbergt neben dem Hafen das Geschäftsviertel und diee wichtigsten Verkehrswege, die Siedlungen ziehen sich dagegen über 40 teils sehr steile Hügel ("cerros") mit engen Gassen und bunten Häusern. Viele Cerros sind heute echte Open-Air-Gallerien mit Wandgemälden an vielen Fassaden. 

Diese Struktur wurde auch bestimmend für die Entwicklung des ÖPNV: Auf dem Plano verkehrte seit 1863 eine Pferdebahn, die 1903 elektrifiziert und 1952 durch ein Trolleybussystem ersetzt wurde. Dieses und das 1947 eröffnete System in Santiago wurden gemeinsam von der staatlichen Empresa de Transportes Colectivos del Estado (ETCE) betrieben. 1981 stellte diese beide Systeme ein. In Valparaiso fanden sich aber lokale Investoren, die Fahrzeuge und Infrastruktur kauften und den Trolleybusbetrieb bereits im April 1982 wieder aufnahmen. 1991/92 übernahm man zur Ergänzung der bislang ausschließlich eingesetzten amerikanischen Pullman Standard-Fahrzeuge der Erstausstattung acht Trolleybusse aus Zürich, Genf, St. Gallen und Schaffhausen, die zwar auch nur 10-15 Jahre jünger waren, aber den Betrieb stabiliseren halfen. Der letzte Schaffhuser hielt immerhin bis Mitte 2017 durch. 2014/15 erfolgte die Übernahme von zunächst 10, 2017 von weiteren acht NAW BT5-25 mit Hess-Aufbauten aus Luzern. Diese behielten ihre VBL-Nummern und bestreiten heute den Gesamtverkehr. Einige Pullman-Standards sind noch vorhanden, werden aber nicht mehr regulär eingesetzt. Wie der gesamte Trolleybusbetrieb wurden die Pullmans 2003 als Nationales Kulturerbe unter Denkmalschutz gestellt.

Das nach wie vor vollständig private Unternehmen Trolebuses de Chile SA betreibt heute zwei Linien, beide verbinden die Estacion de Trolebuses auf der Avenida Argentina mit dem Zollplatz (Plaza Aduana) am Ende des Hafens. Die 801 fährt dabei über die Av. Pedro Montt, die 802 über die Av. Colon. Letztere ist die Hauptlinie, die 801 wird erst seit 2021 wieder regelmäßig bedient.

Die Endhaltestelle Estacion de Trolebuses befindet sich auf der Mittelinsel der breiten Avenida Argentina. Hier steht Wagen 260 abfahrbereit. Bei der Wartehalle im Hintergrund handelt es sich um den ehemaligen St. Galler Wagen 142.

 
NAW 279 hat die Ampelphase abgewartet und zieht über die Straße. An der Estacion de Trolebuses stehen meist mehrere Fahrzeuge auf Pause.


Nach einigen hundert Metern passiet die Linie 801 den Fernbusbahnhof von Valparaíso. Die Zielanzeigen weisen im Wechseltext auf die umweltfreundliche Energieversorgung der Trolleys hin. Hinter dem Turbus-Marcopolo befindet sich übrigens das Chilenische Parlament, das - wohl einzigartig in der Welt - aus der Hauptstadt hierher verlegt wurde.

An der Plaza Victoria treffen beide Linienwege wieder aufeinander.

Durch den östlichen Teil des Plano geht es im Einbahnverkehr.

 

Im repräsentativen Stadtteil Bellavista ist Wagen 263 unterwegs. Das grün/beige Farbschema, das bereits die Pullman-Trolleys 1952 trugen steht den Lozärnern außerordentlich gut.

Die Endstelle Aduana bietet wenig Infrastruktur. Wie die meisten Fahrzeuge trägt 274 noch die Logos des Luzerner Passpartout-Verbundes. Auch im inneren findet sich noch der eine oder andere Aufkleber aus der Zentralschweiz.

Da das Trolleybusdepot abseits des Fahrleitunsnetzes liegt müssen die NAW von und zum Einsatz geschleppt werden. Zum Einsatz kommt dabei dieser MB 711D-Eigenbau-Turmwagen, der an der Estacion de Trolebuses Wagen 266 am Haken hat.

Ebenfalls als Nationales Kulturerbe eingestuft sind die Standseilbahnen von Valparaíso. Insgesamt wurden zwischen 1883 und 1931 nicht weniger als 30 der meist sehr kurzen, dafür umso steileren Bahnen gebaut, um Plano und Cerros miteinander zu verbinden. Heute sind noch 16 dieser Acensores vorhanden, aber nur noch sieben in Betrieb. Die Fahrt mit diesen altertümlichen Vehikeln gehört zum Pflichprogramm in Valparaiso.

Zu den wichtigsten Standseilbahnen gehört der Acensor Concepcion, der den Rathausplatz mit dem gleichnamigen Hügel verbindet. 

 
Seit 2021 außer Betrieb ist der Acensor Artilleria, der direkt an der Trolleybusendstelle Aduana liegt. Die beiden Originalwagen von 1908 wurden in der Mitte "geparkt".

Absolut sehenswert sind die vielen Wandbilder, die vor allem die Cerros verschönern. Dieses auf dem Cerro Concepcion verewigt die ÖPNV-Geschichte Valparaísos mit Pullman Standard-Trolleybus, Acensor und verschiedenen Bustypen.

Und noch ein schönes Trolleybus-Wandbild in der Avenida Colon.

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